Adelsried war „Teil einer Aufbruchstimmung“

Adelsried war „Teil einer Aufbruchstimmung“

Ein Beitrag von Hermann Schmid über den Festvortrag von Prof. Dr. Rolf Kießling zur Festeröffnung im März

Zum Auftakt des Jubiläumsjahres “Adelsried 1000” am Sonntag, 17. März, im Schützenheim, gab es eine Festveranstaltung mit einem Vortrag von Prof. Dr. Kießling

Geschichtsprofessor Dr. Rolf Kießling skizzierte in seinem Festvortrag zum Auftakt des Dorfjubiläums, was über die Anfänge unserer Gemeinde bekannt ist und worüber man nur spekulieren kann. Aber er füllte auch die Wissenslücken anschaulich aus.

Mit dem Bekenntnis „Nix gwies woiß ma net“ schloss Dr. Rolf Kießling seinen Festvortrag zum offiziellen Auftakt des Jubiläumsjahres „Adelsried 1000“ – eine bemerkenswerte Feststellung für einen Historiker, der von 1994 bis 2007 den Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg inne hatte. Soviel schon vorab: Das vielfach noch benutzte Bild vom „finsteren Mittelalter“ lässt er nicht gelten. Prof. Kießling schilderte „eine Epoche des Aufbruchs“, den er aber mit Jahreszahlen und Fakten nur selten konkret für Adelsried, dafür aber vielfältig für die Region belegen konnte.

Denn selbst ihm präsentiere sich diese Zeit wie ein Puzzle – vor allem, was „das flache Land“, was die Geschichte der Dörfer betreffe. „Der Käse ist löchrig, sehr löchrig“, benutzte der in Bonstetten wohnende 77-jährige Professor ein einprägsames Bild. Der Konjunktiv „könnte“ sei auf vieles anzuwenden, was er über Adelsried zu sagen habe.

Dokumente laden zum Spekulieren ein

Das beginnt schon bei den Dokumenten, aus denen man Rückschlüsse auf die Gründung des Rodungsortes ziehen könne. Da gebe es eine Urkunde des Füssener Klosters St. Mang von 919, in der als Zeugen unter anderem „Heinrich und Berthold von Adeloldesriet“ aufgeführt sind. Unter anderem das „Lexikon schwäbischer Ortsnamen“ von 2013 seht darin die älteste Nennung des späteren Adelsried im Holzwinkel. Kießling hat daran deutlich Zweifel geäußert – er bezieht es vielmehr auf das spätere Arlesried bei Memmingen – und somit Adelsried die Chance zur Feier eines wasserdicht dokumentierten 1100-jährigen Bestehens genommen. Bürgermeisterin Erna Stegherr-Haußmann hatte ihn dennoch für den Festvortrag eingeladen. Das zeige, dass ihm die Gemeinde nicht gram sei, stellte Kießling entspannt fest.

Er schickte sich dann an, vor seinen Zuhörern jene Puzzlestücke zu sortieren, die Aufschluss geben können über die Anfänge unserer Gemeinde. „Über die Zeit um 1000 wissen wir nur wenig Genaues, wenn wir uns von den großen Ereignissen in die kleinen Dörfer auf dem Land begeben“, räumte er ein. Erst im Jahr 1309 findet sich eine Urkunde, die zweifelsfrei die Existenz des späteren Adelsried belegt. „Egelof der Schrag von Knöringen verkauft zwei Höfe, das Patronatsrecht, den Kirchensatz, die Vogtei über zwei Höfe und sechs Äcker, die Lehenschaft einer halben Hube sowie das Dorfgericht zu Adelhartzriet an das Kloster Hl. Kreuz in Augsburg“ heißt es darin. „Das ist sehr spät, aber aussagekräftig“, urteilt der Historiker.

Das Geflecht der Herrschaft

Daraus lasse sich aber ableiten, dass dieses „Adelhartzriet“ vor gut 700 Jahren schon eine Ansiedlung mit innerer Struktur war, so Kießling, mit Pfarrstelle, Dorfgericht und mehreren Bauernhöfen. Andere Urkunden, die er anführte, lassen den Schluss zu, dass auch hundert bis zweihundert Jahre früher im Adelsrieder Becken eine Gruppe von Ansiedlungen vorhanden war. Mit Verweisen auf diese und weitere Urkunden skizzierte Professor Kießling zum besseren Verständnis das Geflecht von Herrschaft, das vor rund tausend Jahren die Menschen in unserer Region verband: Es war geknüpft zwischen König, Adel und Bischof.

Sie alle waren daran interessiert, ihre jeweilige Position zu sichern und auszubauen, ihre Besitzungen zu vergrößern. Die Könige konnten in dem unwegsamen Land mit schwacher Infrastruktur nur mithilfe von Adeligen – in unserer Region sehr oft die Markgrafen von Burgau – regieren. Auch die Bischöfe waren Inhaber weltlicher Macht, hatten Klöster und Güter, für deren Aufschwung sie sorgten. Adelige und Bischöfe konnten nicht ohne „Ministeriale“, also Dienstmannen regieren, Prof. Kießling nannte sie „das Gerüst der Herrschaft“. Anhand einer Reihe von Personen und Orten erläuterte er das Zusammenwirken der verschiedenen Ebenen in unserer Region.

Prof. Dr. Kießling im Austausch mit Heimatforscher Friedrich Geiger.

So lebten die ersten Adelsrieder

Die Landbevölkerung – und folglich auch die ersten Adelsrieder – sind damals allesamt Bauern und an die Besitzungen, die Höfe, die sie bewirtschaften, gebunden. „Wenn ein Bauernhof verschenkt oder verkauft wird, dann samt den dazugehörigen Menschen“, so der Historiker. „Das heißt nicht, dass sie Sklaven gewesen wären, sozusagen Sachgut, vielmehr behalten sie durchaus ihre Eigenschaft als Personen, als Menschen, die ihre Rechte haben. Doch sie sind unfrei, müssen als Gegenleistung dafür, dass sie Höfe bewirtschaften und davon leben, Abgaben entrichten.“ Etwa ein Viertel vom Ertrag wird oft eingefordert.

In der Folge skizzierte Prof. Kießling das Leben der Bauern um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend nach Christus – ihren Alltag, ihr Wirtschaften, ihre Religiosität und ihre Feste. Das Leben auf dem Land ist damals sehr mühsam sehr und entbehrungsreich. Die Erträge der Landwirtschaft sind gering, beim Getreide vermutlich nur das Drei- bis Vierfache der Saat (heutzutage ist es meist das 30-fache). Deshalb wird Getreide damals sorgsam mit der Sichel geerntet, vom Ertrag muss man für die nächste Aussaat zurücklegen und dem Grundherrn abgeben. Die Dreifelderwirtschaft wirft nur in geringen Mengen Vorräte ab, die man für den Winter aufbewahren kann. Heu wird nur wenig eingebracht, im Herbst deshalb ein Großteil des Viehs geschlachtet.

 „Aber man sieht auch: Es bewegte sich etwas“, stellte der Historiker fest. Die Geschichtswissenschaft macht es vor allem an der rasch wachsenden Bevölkerung fest: Um das Jahr 1000 leben im heutigen Deutschland etwa vier Millionen Menschen, 200 Jahre später sind es schon acht Millionen. In ganz Europa wächst die Bevölkerung in dieser Spanne ungefähr von 40 auf 70 Millionen. Dafür wirken mehrere Faktoren zusammen.

Ein Klimawandel und seine Folgen

„Die Medizin kann es nicht gewesen sein“, so Kießling, „die war äußerst bescheiden, die Lebenserwartung entsprechend gering, die Kindersterblichkeit besonders hoch.“ Nur ein Drittel der Neugeborenen wird älter als ein Jahr. Um die Jahrtausendwende steigt in Mitteleuropa, die mittlere Jahrestemperatur  aber um ein bis zwei Grad an. Das „Klimaoptimum“ dauerte etwa bis Anfang des 13. Jahrhunderts.

Das mildere Klima – und einige Verbesserungen bei den Geräten für die Landwirtschaft – steigern die Erträge der Felder. Die Menschen haben mehr zu essen, mehr überleben Kindheit und Jugend. Für die wachsende Bevölkerung braucht man mehr Nahrung, man beginnt, zusätzliche Landstriche zu erschließen – höherliegende Regionen im Allgäu oder im Bayerischen Wald, aber auch die dichten Wälder der Flussniederungen. Eine Zeit der Rodungen beginnt, ersichtlich aus den Endungen -ried in vielen Ortsnamen. So entsteht damals auch Adelsried.

Weil in jener Zeit bis auf Kirchen und Burgen fast alle Gebäude aus Holz sind, lassen sich die Siedlungen und Details ihrer Gebäude nur an wenigen Funden rekonstruieren. Rechtlich zählen die Häuser als „fahrendes Gut“, berichtete Kießling, „man konnte sie bei Bedarf abbauen und an anderer Stelle wieder aufbauen“. Nur die Pfostenlöcher, durch andersfarbiges Erdreich erkennbar, verraten den Archäologen Standorte und Ausmaße. Zeichnungen der Rekonstruktion einer Hofanlage aus der Mitte des 11. Jahrhunderts in Westfalen dienten Kießling als Beispiel für vermutlich ähnliche Anlagen auch im frühen Adelsried.

Ein Dorf um das Jahr 1000

Die Häuser einer Siedlung liegen verstreut, zu jedem gehörte ein Obstgarten – schon Karl der Große hatte um 800 in eine Art Lehrbuch über die Bewirtschaftung von Gütern eine lange Liste von Kräutern und Obstbäumen aufnehmen lassen. „Nimmt man noch die verschiedenen Haustiere dazu – Hühner, Gänse Schweine, Ziegen, Kühe – dann wird klar, dass die Ernährung durchaus abwechslungsreich war“, so der Historiker.

Dennoch gilt: „Das Leben war schwer zu bewältigen. Unwetter lösten Missernten aus, Viehseuchen dezimierten die Bestände, Krankheiten bedrohten das eigene Leben – der Tod war immer präsent.“ Damit leitete Prof. Kießling auf den Abschnitt „Religiosität und Feste“ über. „Hilfestellung gab die Kirche: Die Hoffnung auf das Jenseits, in dem alle Sorgen zu Ende waren, war das eine; die Milderung der Schicksalsschläge, die man erfuhr, das andere“. Die christliche Lehre ist zu jener Zeit vor allem über Erzählungen vom Leben der Heiligen präsent, so Kießling. Die Religiosität damals sei „konkret, handfest, beispielorientiert“ gewesen, vielfach noch durchsetzt mit magischen Vorstellungen und Praktiken. Er führte den „Bienensegen“ des Klosters Lorsch am Rhein aus Karolingischer Zeit an, in dem es unter anderem heißt: „Sitzt, sitzt, Bienen / Der Befehl kommt von der Jungfrau Maria.“

Kirchweih als Erntedank

Die Feste auf dem Dorf sind zum einen verbunden mit den christlichen Hochfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten, zum andern mit Ereignissen im Lebenszyklus, man begeht „Geburt, Hochzeit, ja selbst den Tod feierlich“. Als wichtiges Fest kommt seit der Jahrtausendwende die Kirchweihe hinzu. Sie ist seit der Antike bekannt, wird seit Ende des 8. Jahrhunderts in Frankreich gepflegt und hat sich zwischen 900 und 1300 überall durchgesetzt. Weil die Kirche den Termin schon früh in den Herbst verlegt, erhält es Elemente eines Erntedankfestes. Nach Hochamt und Prozession münden die Feiern, so Kießling, „in der Regel in großzügige Ess- und Trinkgelage, mit Musik und Tanz.“ Dazu kommen oft auch Besucher von außerhalb, manches Mal artet solch ein Fest auch in handfesten Streit aus. Auch in Adelsried wird es so gewesen sein, die Siedlung, das belegt die Urkunde von 1309, hat schon früh eine eigene Kirche.

„Was bleibt?“ Mit dieser Frage leitete Prof. Kießling den letzten Abschnitt seines Vortrags ein, er soll hier komplett nach seinem Manuskript wiedergegeben werden: „Ihr Eindruck täuscht sie nicht: Über die Zeit um 1000 wissen nur wenig Genaues, wenn wir uns von den großen Ereignissen in die kleinen Orte auf dem Land begeben. Oft stochern wir im Nebel, denn die überlieferten Quellen sind spärlich. Wir rekonstruieren ein Puzzle, bei dem nur einige Teile aufzufinden sind, viele aber fehlen. Deshalb haben Sie so oft Wörter wie ‚vermutlich‘, ‚vielleicht‘, manchmal auch ‚wahrscheinlich‘, sehr häufig ‚später‘ gehört. Je weiter wir auf der Zeitschiene zurückgehen, desto schwieriger wird es, die Überreste zu deuten. Dennoch können wir einiges festhalten: Zum einen fällt auf, dass die Zeit um die Jahrtausendwende eine sehr dynamische Zeit war, dass sich viel veränderte – man muss dabei freilich eine längere Zeitspanne in Rechnung stellen; die Zeit ist noch nicht so hektisch, die Entwicklungen verlaufen nicht so schnell wie heute, die Lebensumstände verändern sich langsamer. Dennoch ist es eine Zeit des Aufbruchs: eine Siedlungsbewegung mit Rodungen ist erneut in Gang gekommen. Der Wald, der lange Zeit als ‚Unland‘ galt, als unheimliches Gebiet, in dem man sich verirren kann, der weitgehend ‚Urwald‘ war, wird zum ‚Forst‘, zum bewirtschafteten Raum, in dem das Vieh weiden kann, aus dem man Holz holt zum Heizen und Bauen, in dem man Wild jagt – später im 14. Jahrhundert wird unser Raum zum ‚Holzwinkel‘ für die Stadt. Die steigende Bevölkerung braucht Siedlungsland, verbessert den Ackerbau, um sich ernähren zu können, sie erschließt dieses ‚Unland‘. König, Kirche und Adel stellen die Weichen, Bauern vollziehen sie in mühevoller Arbeit. Das Mittelalter ist nicht ‚finster‘, wie man das oft sprichwörtlich formuliert, unüberlegt, ohne darüber nachzudenken, ob man den Menschen, die damals lebten, gerecht wird.

Und Adelsried: Es ist dabei, es ist Teil dieses Aufbruchs – ab wann, wissen wir nicht genau. Aber wir können sagen, dass es spätestens im 12. Jahrhundert dabei war, wir dürfen vermuten, dass es schon hundert Jahre früher war; Indizien sprechen dafür, Parallelen zu anderen Gemeinden und Gebieten machen es wahrscheinlich. Oder vielleicht sogar zweihundert Jahre? Wenn die Urkunde von 919 doch unser Adelsried meint? Aber: ist es denn eigentlich wichtig, dass wir ein präzises Jahr haben, wenn das ohnehin nur einen Punkt in einem Strom der Zeit darstellt? Wenn Sie dieses Jahr diese lange Vergangenheit feiern, haben Sie allen Grund dazu – und ich wünsche Ihnen viel Freude dabei, wenn das ganze Dorf gemeinsam dieses Fest begeht.“

Der Saal war bis zum letzten Platz mit interessierten Bürgern gefüllt, die nicht nur einen spannenden Festvortrag, sondern auch ein vielfältiges Rahmenprogramm genossen.


Ludwig Lenzgeiger