Jahrhunderte gefangen im „Laufrad“ – die Welt der Adelsrieder Bauern

Jahrhunderte gefangen im „Laufrad“ – die Welt der Adelsrieder Bauern

Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl schilderte anschaulich das arbeits- und entbehrungsreiche Leben der früheren Bewohner von Adelsried. Von Hermann Schmid

Im Rahmen der Vorträge zum Jubiläum “Adelsried 1000” sprach Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl über “Lebens- und Rechtsverhältnisse in der agrarischen Welt von Adelsried” am 19. Mai 2019 im Bürgersaal im Rathaus.

Er zitierte zwar nicht das Physikgenie Albert Einstein, doch mit zwei Hinweisen auf die Relativität auch der historischen Zeit fasste Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl seinen Vortrag im Rahmen der Reihe „Adelsried 1000“ ein. Der Alltag der Landwirte, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Adelsried lebten, habe „nicht so große Unterschiede“ zum Mittelalter aufgewiesen, stellte er einleitend fest. Und nachdem er „die Lebens- und Rechtsverhältnisse in der agrarischen Welt von Adelsried“ ausgebreitet hatte, schloss er seinen Vortrag im Bürgersaal des Rathauses mit der Feststellung: „Es ist schon bemerkenswert, wie sehr diese Zeit verschwunden und vergessen ist.“

Der sicherlich größte Wandel in den rund 1000 Jahren, die Adelsried besteht, vollzog sich nämlich erst in den letzten 70 Jahren. „Bis 1950 hatte das Dorf keine gemeinsame Wasserversorgung“, so Dr. Fassl, „es gab keine Bäder in den Häusern“. Erst vor rund 50 Jahren erhielt der Ort eine Kanalisation, das heißt: Abwasser wurde geregelt entsorgt und gereinigt, Toiletten mit Wasserspülung wurden erst dann überall üblich.

Wie der Alltag im Dorf bis dahin aussah, das wissen nur noch die älteren Mitbürger. Diese Welt ist weitgehend verschwunden – und nach den Ausführungen von Dr. Fassl über die Mühsal des Lebens der Kleinbauern im 18. und 19. Jahrhundert wird das niemand bedauern. Doch vergessen sollten wir diese Welt nicht, denn nur wer darüber Bescheid weiß, der kann ermessen, mit welchem Einsatz frühere Generationen ihr Leben und seine täglichen Mühen bewältigt haben – und der spürt vielleicht auch, wie klein im Vergleich dazu viele unserer heutigen Sorgen sind.

Es gibt in Adelsrieder Familien noch Dokumente über jene vergangene Epoche, doch es braucht einen Fachmann wie den Bezirksheimatpfleger, um sie zum sprechen zu bringen. Dr. Fassl nutzte für seinen Vortrag Unterlagen, die ihm Bürgermeisterin Erna Stegherr-Haußmann zur Verfügung gestellt hatte. Er eröffnete ihn mit einem Foto aus dem Jahr 1911. Es zeigt Kaspar Math und seine Frau Josefine, geborene Bollinger, Urgroßeltern der Bürgermeisterin, mit drei Töchtern vor ihrem Haus. Eine vierte Tochter, erst einige Monate alt, lag drinnen im Bettchen. Kinderwagen waren damals noch nicht üblich. Als sie neun Jahre zuvor geheiratet hatten, war Kaspar 37 Jahre alt, seine Frau 32. „Warum heirateten sie so spät?“. Seine Frage beantwortete er gleich selbst: „In der agrarischen Welt galt: Heiraten kann man, wenn man sich selbstständig machen kann.“ So waren im Bereich des Landgerichts Zusmarshausen um 1860 die meisten Eheleute zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Dr. Fassl schilderte am Beispiel der Eheleute Math einen Alltag, wie er vor gut 100 Jahren wohl auf die meisten Bewohner von Adelsried zutraf. Ihr sehr detaillierter Ehevertrag von 1902 liefere, so der Historiker, einen „realistischen Einblick in die Verhältnisse von damals“. Das wesentliche an einer Heirat sei damals gewesen, eine wirtschaftliche Basis für die neue Familie zu schaffen. Deshalb entsprachen Ehevermittlungen einer wirtschaftlichen Börse. „Mit 32 und 37 Jahren ist das erste Feuer der Jugend ja auch schon etwas abgeklungen“, bemerkte Fassl.

Bei der Heirat 1902 brachte er 5000 und sie 2000 Reichsmark in die Ehe ein. „Dafür kann man sich schon was kaufen.“ Es reichte für eine „Sölde“ – der Begriff steht für ein kleinbäuerliches Anwesen mit nur geringer Viehhaltung, das einer Familie kein Auskommen sichern kann, weshalb sich der Besitzer als Handwerker oder Tagelöhner einen zusätzlichen „Sold“ hinzuverdienen muss.

Die Familie Math vor Ihrem Anwesen.

Das Anwesen von Familie Math umfasste 24 „Tagwerk“, also knapp acht Hektar. (1 Tagwerk entspricht etwa 3000 Quadratmetern, 3,3 Tagwerk ergeben 1 Hektar). „Davon konnten damals vier bis sechs Personen mit Ach und Krach leben“, so Fassl. Die Nutzflächen waren allerdings aufgeteilt auf 21 Flurstücke zu maximal 1,5 bis 2 Tagwerk. Mit einem Katasterplan aus dieser Zeit zeigte Fassl, wie kleinteilig die Flur um Adelsried damals gegliedert war. Deutliche Erleichterung brachte hier erst die Flurbereinigung, die war in Adelsried 1978 abgeschlossen.

Weil auf dem Foto von 1911 kein Pferd zu sehen ist, schloss Fassl, dass der Kleinbauer ohne diese Unterstützung arbeiten musste. Traktoren konnten sich die größeren Bauern ab den 1920er Jahren leisten, die Kleinbauern ab den 1950er Jahren. In den Jahrhunderten zuvor ging die Modernisierung der Landwirtschaft nur langsam voran. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Stallfütterung eingeführt. Das Vieh zertrat nun nicht mehr die Wiesen, diese konnten, wie auch die Äcker, besser gedüngt werden. In der Summe wuchs dadurch die Feldarbeit aber an. Dr. Fassl sprach von einem „Laufrad, in dem die Bauern gefangen waren“. Im gesamten 19. Jahrhundert stieg der Ertrag der Landwirtschaft nur um 20 bis 30 Prozent.

Um den ländlichen Arbeitsalltag Anfang des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen, nutzte er die Lebenserinnerungen einer um 1900 geborenen Heretsriederin, die der damalige Bürgermeister Helmut Schuster anno 1992 aufgezeichnet hatte. Sie musste auf die angestrebte Ausbildung zur Schneiderin verzichten, weil die Eltern die 5 Mark Lehrgeld nicht aufbringen konnten. Also verdingte sie sich als Magd bei einem Bauern. Die 120 Mark, die sie dafür im Jahr erhielt, gingen komplett an die Eltern. Sie durfte nur die Zugaben des Bauern behalten. Die Arbeitstage umfassten meist 16 Stunden ohne regelmäßige Pausen. An Sonntagen hatte sie die schmutzige Wäsche der Familie zu waschen. Ihre Kammer war ausgestattet mit Bett, Schrank und einer Kerze. Oft gab es nicht mal einen Ort zum Trocknen der Kleidung. Das Leben von Kleinbauern habe sich in jener Zeit vom dem einer Magd nicht auffällig unterschieden, stellte Fassl fest.

Mehr über den damaligen Alltag kann man aus dem Übergabe-Vertrag herauslesen, mit dem die Eheleute Math 1935 ihr Anwesen an eine Tochter vor deren Heirat weitergeben. Zwei Töchter hatten da bereits geheiratet, eine war ledig geblieben und lebte als eine Art Dienstmagd im Haus. In den 33 Jahren ihrer Ehe konnten Kaspar und Josefine Math ihren Besitz nicht spürbar vergrößern, stellte Fassl fest, obwohl sie das sicher angestrebt hätten. Das Heiratsgut für jede der Töchter habe jedoch das Ersparte verschlungen.

Im Übergabe-Vertrag ist genau aufgeführt, was die Eltern zu erhalten hatten. Das waren zum einen 15 Goldmark im Monat – „damals nicht viel Geld“, so Fassl – zum anderen 40 Pfund Schweinefleisch pro Jahr. Zieht man von den 52 Wochen eines Jahres die Fastenzeiten vor Ostern und (damals noch üblich) vor Weihnachten ab, dann ergebe sich: Die Eltern erhielten pro Woche ein Pfund Fleisch. Ebenfalls festgeschrieben waren pro Jahr 200 Kilogramm Weizen, 200 Kilo Roggenmehl und 300 Kilo Kartoffeln. Man ernährte sich damals ganz überwiegend vegetarisch.

Anfang des 19. Jahrhunderts, so Fassl, habe es bei kleinbäuerlichen Familien nur dreimal im Jahr Fleisch gegeben – zu Weihnachten, Ostern und am Kirchweih-Sonntag. Nur bei Großbauern gab es an den meisten Sonntagen Fleisch. Die Ärmsten im Dorf lebten damals in sogenannten „Leerhäusern“ (Wohngebäude ohne landwirtschaftliche Grundstücke), die aber immer eine Art Stall mit Stadel hatten. Dort konnten sie wenigstens ein Schwein halten, das von Abfällen gemästet wurde und Fleisch lieferte. Das erste Kataster für Adelsried von 1810 dokumentiert mehrere solcher Leerhäuser im Ort.

Aber auch die kleinen Bauern mussten sich etwas hinzuverdienen, um über die Runden zu kommen. Zwei Bereiche boten sich an: Die Leinenherstellung und der Holzreichtum der Region. Im 18. Jahrhundert zählte das nahe Augsburg rund 600 Weber. Jeder von ihnen brauchte als Lieferanten des Garns etwa 30 Spinner. Das schuf Arbeit für etwa 18.000 Spinner in den Dörfern im weiten Umkreis. Kaufleute lieferten ihnen Wolle und Flachs als Rohmaterial und nahmen das Garn ab. Und Holz war in jenen Jahrhunderten, so Fassl, „der Grundstoff für alles“. Man brauchte es zum Hausbau, für fast alle Gerätschaften, als Brennmaterial, als Holzkohle. Wann der Name „Holzwinkel“ für die bewaldete Gegend westlich von Augsburg gebräuchlich wurde, das lasse sich nicht genau feststellen, betonte Fassl.

Das alles bot jedoch keine Basis für ein zügiges Wachstum des Ortes. Um 1800 lebten in Adelsried etwa 400 Menschen, hundert Jahre später waren es rund 500. „Adelsried ist geblieben, wie es war“, fasste Dr. Fassl zusammen. Die Fernstraßen jener Zeit gingen um den Ort herum. Zwischen Augsburg und Ulm führte die südliche Straße über Zusmarshausen, die nördliche über Biberach und Wertingen. Lange Zeit kam nach Adelsried lediglich einmal in der Woche ein Postwagen. Ab 1890 fuhr dann täglich ein „Omnibus“ nach Augsburg, eine große Kutsche, die mehrere Pferde zogen. Erst als 1903 die Eisenbahn von Augsburg nach Welden gebaut wurde, war man an die große Stadt angebunden. Jetzt konnten die Adelsrieder auch in den Fabriken in Augsburg Arbeit finden. Mit dem Ausbau der Ziegelei um 1900 kamen italienische Arbeiter aus dem Friaul. Sie waren damals die Spezialisten für dieses Handwerk. Anfang des 20. Jahrhunderts verlor das Dorf ganz allmählich seinen rein agrarischen Charakter.

In seinem Vortrag ging der Bezirksheimatpfleger auch auf den Einfluss der kirchlichen Grundherren ein und skizzierte dazu die Entwicklung Adelsrieds in den zurückliegenden vier Jahrhunderten. Um 1600 wurden im Ort etwas mehr als 40 „Feuerstellen“ gezählt, hundert Jahre später waren es nur 36. Der Dreißigjährige Krieg hatte auch in Adelsried seine Spuren hinterlassen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der Anwesen an, im Jahr 1800 waren es 78. „Was ist hier passiert?“ Dr. Fassl sah die Ursache darin, dass der Ort ab 1621 alleinig dem Augsburger Kloster Heilig Kreuz gehörte. Das Interesse der Grundherren sei grundsätzlich gewesen, die Zahl der kleinen Anwesen zu erhöhen. Damit stiegen auch die Abgaben, die sie erhielten.

Den Bau der Kirche St. Johannes Baptist um 1733 habe wohl weitgehend das Kloster finanziert, so Fassl, und dazu auch Architekten, Bauleute und Künstler aus Augsburg nach Adelsried geholt. Manche Details der Ausgestaltung wie die kleinen Bilder mit lateinischen Sinnsprüchen seien eine Mode jener Zeit gewesen und sicher nicht auf die bäuerlichen Gottesdienstbesucher ausgerichtet. „Die Bildung der Menschen in Adelsried war Heilig Kreuz gleichgültig“, stellte Dr. Fassl fest. Einen Beleg dafür biete auch eine Passage aus einem autobiographischen Text eines Pfarrers, der um 1810 einige Jahre in Adelsried wirkte. Er habe damals einen Brief an das Kloster geschrieben über die nötige Bildung der Lehrer in Adelsried und dabei festgestellt, diese seien nicht so, dass sie überhaupt für eine Fortbildung geeignet wären. Die Lehrer wurden damals allgemein durch eine Umlage der Bevölkerung bezahlt, da hatte Adelsried offensichtlich nicht so viel zu bieten.

Mit der Säkularisation anno 1803 ging der Ort vom Kloster an den Staat über. Das war nicht unbedingt ein Vorteil. „Die Klöster habe viele kleine Kredite vergeben und gewährten bei schlechten Ernten Nachlässe auf die Abgaben – der Staat nicht.“

Ab 1848 konnten alle Bauern die „Obereigentümer“ ihrer Flächen werden. Die Ablöse lag zwischen dem 15- und dem 20-fachen des Jahresertrags. Es gab damals Finanzierungshilfen über eine staatliche Bank, so Fassl, die Zahlungspläne seien teilweise noch bis in die 1920er Jahre gelaufen.

Dr. Fassl richtete seinen Blick noch auf einen weiteren Fixpunkt im Dorfleben – das Wirtshaus. Dessen Besitzer war damals sicher einer der reichsten Männer im Ort. Der Katasterplan von 1808 weist das Haus Nummer 20 „Boirisch Wirt“ als ein „Wirtshausgut mit realer Braugerechtigkeit“ aus. Es umfasste 165 Tagwerk, also so viel Grundbesitz wie etwa 20 Sölden. „Das waren damals gigantische Unterschiede im Dorf“, so Fassl. Er folgerte: „Die Wirtsleute waren die eigentlichen Chefs im Ort.“ Zum Anwesen gehörten Äcker, Wiesen, Wald mit einer Köhlerei, ein Schweinestall und ein Garten mit Hopfenanbau, dazu die Rechte, Branntwein zu brennen, und eine Bäckerei, eine Metzgerei sowie einen Kramerladen zu betreiben.

Einige interessierte Bürger aus der Region waren gekommen, um dem Fachmann zu lauschen.

Eine Gastwirtschaft sei damals immer mit dem Recht, Bier zu brauen, verbunden gewesen. Denn die Steuer auf Wein und Bier war eine der bedeutendsten Einnahmequellen für die Grundherren. Deshalb war in Orten mit mehreren Grundherrschaften jede bestrebt, dort ihr eigenes Wirtshaus zu haben.

Für dessen Betrieb gab es klare Vorschriften. Die Wirtsleute mussten Bier vorhalten und eine Unterkunft anbieten, jedoch mussten sie keine Bettler aufnehmen. Geregelt war auch, wie hoch der Einsatz beim Kartenspiel sein durfte und wann „Zapfenstreich“ war – meist um 21 Uhr. Ein Wirtshaus war der zentrale Versammlungsort im Dorf, schilderte Fassl. Hier feierten die Familien große Feste, hier wurden Rechtsgeschäfte abgewickelt, hier fanden Gerichtsverhandlungen statt. Als sich im 19. Jahrhundert Vereine entwickelten, trafen die sich auch im Wirtshaus, dort probten und spielten die Theatergruppen, dort wurde zum Tanz aufgespielt.

Wie sich das alles konkret in Adelsried abspielte, beim Boirisch Wirt und später im Gasthof Joachim, darauf ging der Bezirksheimatpfleger nicht ein. Das ist inzwischen alles längst vergangen … ob es in einigen Jahrzehnten auch vergessen sein wird?

Ludwig Lenzgeiger